Schamanismus

Eine kurze Einführung

Der Mensch der westlichen modernen Kultur

Das westliche, modern geprägte Weltbild und die Lebensverhältnisse in der zivilisierten Gesellschaft sind zunehmend Ursache von Zivilisationskrankheiten und Gesundheitsbelastungen.

 

Herz-Kreislauf-Probleme, Übergewicht, chronische Erkrankungen, Stresssymptome, Krebs und Allergien führen die Hitliste der modernen Leiden an. Betrachtet man die Lebensumstände verwundert das nicht.

 

Gesellschaftliche Infokampagnen versuchen mit wenig Erfolg, gesundheitsbewusste Lebensweisen zu probagieren.

Die moderne Schulmedizin bekämpft meist nur die Symptome der leidenden Menschen. Die eigentlichen Ursachen bleiben dabei unberücksichtigt.

 

Aus schamanischer Sicht wären eigentlich umwälzende Änderungen nötig in den Bereichen Ernährung, körperlicher Bewegung, Schadstoffbelastungen und vor allem psychisch seelischen Lebensweisen.

 

Unsere leistungsorientierte Wachstumsgesellschaft müsste eigentlich hinterfragt werden.

 

Schamanismus setzt immer am ganzheitlichen Menschen und seinem Umfeld an, nimmt sozusagen eine kosmologische Sicht ein.

Im Zentrum steht der Mensch mit seiner Geschichte, mit seinen seelischen Wunden. Ziel ist es, die seelischen Aspekte wieder in Harmonie zu bekommen und verschüttete Potentiale frei zu setzen.

 

Was ist Schamanismus ?

Schamanismus bezeichnet Traditionen alter und zum Teil noch existierender Stammeskulturen über Spiritualität, Heilkunst, Weltanschauung und Menschenbild, die sich in ihren Grundideen über alle Kontinente und Kulturen hinweg stark ähneln.

Schamanismus lässt sich über zehntausende Jahre zurück verfolgen und ist auch heute in noch bestehenden Stammeskulturen oder alten Traditionen existent.

 

Der Begriff Schamanismus wurde von westlichen Ethnologen für alle Phänomene dieser Art geprägt, obwohl der Begriff an sich aus der sibirischen Tradition stammt.

 

Das Wissen über Schamanismus wurde in den letzten Jahrzehnten in unserer westlichen Kultur durch die Pionierarbeit einiger Ethnologen wie Mirceau Eliade, Michael Harner und Alberto Villoldo (um nur einige zu nennen) bekannt. Schamanismus erlangt in der westlichen Gesellschaft zunehmend Aufmerksamkeit.

 

Dabei wird Schamanismus vor allem mit amerikanischen Kulturen assoziiert. Der in der westlichen Welt aufkommende Neu- oder Neo-Schamanismus orientiert sich stark an amerikanische Traditionen.

Dies hat Gründe der relativ kurz zurückliegenden und damit historisch gut belegbaren Geschichte bevor die nordamerikanischen Ureinwohner ihre Kultur durch den von den Weißen verübten Genozid in weiten Teilen einbüßten.

 

Nichts desto trotz gibt es schamanisch kulturelle Wurzeln überall auf der Welt.

Schamanismus ist keine Religion in dem Sinne einer definierten spirituellen Lehre. Es gibt weder institutionelle Hierarchien noch Gelehrten- oder Priesterzünfte, noch schriftliche Überlieferungen von Propheten oder Religionsstiftern im Sinne einer heiligen Schrift.

 

Das schamanische Wissen wurde meist durch mündliche Überlieferung, individuelle Ausbildung und direktes Erfahrungswissen aufrecht erhalten.

 

Schamanische Wurzeln Europas

Auch wir Europäer haben eine schamanische Vergangenheit. Ihre jüngste Blütezeit erlebte diese wohl in den kelto-germanischen Kulturen vor ca. 2000 - 3000 Jahren. Schamanische Traditionen wurden von Druiden und Barden ausgeübt und überliefert.

 

Mit dem Beginn der römischen Invasion Europas kurz vor Christi Geburt jedoch verloren die keltischen Völker ihre traditionellen Strukturen. Die gewaltsame Unterwerfung und die Vertreibung keltischer Volksstämme sowie die Einwanderung römischer Siedler nahmen der spirituellen Wurzel des Druidentums nach und nach ihren Halt.

Verbliebene Reste keltischen "Heidentums" wurden dann anschließend durch die weitgehend gewaltsame Missionierung zum Christentum bedrängt.

Von christlichen Herrschern erlassene Gesetze verboten heidnische Handlungen gegen oft entsetzliche Strafen.

Da die vatikanische Doktrin für katholische Königshäuser bedeutete, dass deren Seelenheil vom Missionierungsgrad ihrer Herrschaftsgebiete abhängt, sind so manche blutige Zwangsmissionierungen zwar nicht entschuldbar, aber zumindest erklärbar. Berühmtes Beispiel hierfür ist Karl der Große, der sein Reich mit dem Schwert missionierte.

Lediglich im äußersten westlichen Rand Europas (Irland, Wales) konnten sich keltische Traditionen halten. Zwar hat auch hier die christliche Kirche viele ursprüngliche Strukturen  zerstört, jedoch entsprang dort eine stark keltisch geprägte christliche Kirche, die viele heidnische Elemente beibehielt.

 

Die Jahrhunderte hindurch haben verbliebene Inhalte heidnisch keltischer Traditionen in unseren Sagen und Märchen überdauert. Unsere europäischen Mythen und Märchen sind voll von schamanischer Symbolik und Sprache.

Vieles davon ist jedoch durch christlichen Einfluss verzerrt und übertüncht worden. Ungebändigte Natur und „wilde“ Aspekte der menschlichen Seele wurden von den Kirchen in die Hölle verschoben und verteufelt.

 

Die christlichen Kirchen haben aus Gründen der leichteren Missionierbarkeit sehr viele heidnische Bräuche mit leichtem christlichem Überbau beibehalten und übernommen.

So sind fast alle christlichen Hochfeste mehr oder weniger kelto-germanische Jahresfeste in christlichem Gewand.

Die heidnischen Götter wurden durch christliche Heilige ersetzt, heilige Bäume wurden gefällt und Kirchen wurden auf alten heidnischen Kultplätzen errichtet.

 

Letzte Vertreter der alten heidnischen Tradition (Hexen, Heiler, Kräuterkundige) wurden durch Staat und Kirche (Inquisition) verfolgt und unterdrückt, bis hin zu Todesurteilen und Kerkerhaft.

 

Schamanische Traditionen haben viele Gemeinsamkeiten

Für traditionelle schamanisch geprägte Kulturen ist die Welt und alle Wesen und Dinge darin beseelt. Tiere, Pflanzen, Steine, Berge, Wasser, Luft, Erde, Sonne, Mond, Sterne - alles ist beseelt.

 

Diese geistige Lebendigkeit umgibt den Menschen, mehr noch, der Mensch ist Teil dieser lebendigen Welt. Diese Allbeseeltheit wird Animismus genannt.

 

Der Mensch kann über die geistige Verbundenheit aller Dinge mit den Wesen der Welt kommunizieren und in Beziehung treten.

 

Diese Idee der Lebendigkeit der Natur, von Mutter Erde als lebendes Wesen, eingebettet in einem lebendigen Kosmos, liegt allen schamanisch traditionellen Naturvölkern zugrunde.

 

Diese weltweiten Gemeinsamkeiten sind der wissenschaftlich logischen Argumentation zufolge ein sehr starkes Indiz für die tatsächliche Existenz von Phänomenen, die in der Lebenswirklichkeit als etwas Wahres betrachtet werden könnten.

 

Die Anderswelt

Die Welt umfasst mehrere Wirklichkeitsebenen.

Die alltägliche Wirklichkeit entspricht dem, was wir in der westlichen Kultur als die Realität, die greifbare und messbare Wirklichkeit begreifen.

Hier gelten laut unserer aufgeklärten naturwissenschaftlichen Ideologie die physikalischen Gesetze und das Prinzip der Kausalität von Ursache und Wirkung.

 

Daneben gibt es die nicht-alltägliche Wirklichkeit, auch Anderswelt genannt.

Hier gelten eigene Gesetze der geistigen Welt. Die Kausalität ist hier nicht anwendbar.

Hier herrscht unter anderem das Gesetz der Synchronizität (miteinander in Resonanz stehendes kommt zusammen).

 

Der Schamane hat Zugang zur Anderswelt und bereist diese, um dort Kraft und Hilfe zu erlangen, um Probleme in der alltäglichen Wirklichkeit zu lösen, die Gründe von Krankheit zu finden und um Harmonie innerhalb des Menschen und letztlich des ganzen Stammes und der Welt um ihn herum herzustellen.

 

Der Zugang zur Anderswelt kann vielfältig sein, je nach schamanischer Tradition der jeweiligen Kultur und je nach persönlicher Veranlagung und Situation.

 

Der Weg in die Anderswelt führt immer über einen bestimmten Trance- oder Ekstase-Zustand.

Diese Ekstase kann erzeugt werden durch Einnahme psychoaktiver Pflanzenstoffe, die dem Bewusstsein des Schamanen Zugang in die Anderswelt ermöglichen. Diese Pflanzenstoffe können aber für den unkundigen Anwender gefährlich sein, da sie fast ausschließlich von giftigen Pflanzen stammen.

Eine ungefährliche Methode, die gewünschte Trance herzustellen, besteht in rhythmischen, akustischen Klängen wie z.B. mit Trommeln und Rasseln.

Auch primitiver Tanz, monotoner Gesang oder Meditation kann den Trancezustand zur Reise in die Anderswelt erzeugen.

 

Die Anderswelt teilt sich in verschiedene Ebenen auf, welche sich nach dem Prinzip von Oben und Unten ergeben. So gibt es die untere Welt, die mittlere Welt und die obere Welt.

 

Die untere Welt hat den Charakter einer urwüchsigen Landschaft, die von geistigen Wesen bewohnt ist, wie z.B. Tierwesen, menschenähnlichen Wesen und von Phantasiewesen. Der Zugang zur Unterwelt ist im Prinzip ein Gang in die Tiefe, nach Unten, unterhalb der Erdoberfläche. Die christliche Kirche hat diese heidnische Vorstellung einer Unterwelt als etwas Böses eingestuft und zur Hölle erklärt, wobei die Unterwelt eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse nicht vornimmt.

 

Die Unterwelt wird auch als Seelengarten bezeichnet. Der Seelengarten ist ein archetypisches Abbild bzw. eine symbolische Wirklichkeit, in der der Mensch mit seinem Traum-Bewußtsein und anderen geistigen Wesen in Kontakt treten kann. Carl Gustav Jung hat für diesen Aspekt den Begriff des persönlichen und des kollektiven Unterbewußtseins geprägt.

 

Der weitaus größte Teil schamanischer Arbeit findet in diesem Bereich der Anderswelt statt.

 

Die mittlere Welt existiert neben unserer bekannten materiellen Welt und durchdringt diese mit ihren energetischen feinstofflichen Phänomenen. 

Mit unseren physischen Sinnen sind diese nicht wahrnehmbar, nichtsdestotrotz existieren sie.

 

Beispielsweise sind die Aura, die Chakren und geomantische Phänomene in der Landschaft Erscheinungen die in die mittlere Welt eingestuft werden.

Die obere Welt umfasst geistige und spirituelle Aspekte des Kosmos. Dort sind geistige Wesenheiten beheimatet, die übergreifende Aspekte des Lebens lenken und behüten.

 

Die Umgebung und die Wesen dort erscheinen feinstofflicher und sehr lichtintensiv.

Die christliche Kirche hat diese heidnische Vorstellung mit dem christlichen Himmel gleichgesetzt.